Den Karren aus dem Dreck ziehen: Was problematische IT-Projekte wirklich brauchen
Warum die meisten IT-Projekte in Schieflage geraten – und was wirklich hilft, sie wieder auf Kurs zu bringen. Ehrliche Diagnose statt mehr Druck.

Es gibt diesen Moment in vielen IT-Projekten, den keiner laut ausspricht. Die Sprints ziehen sich, das Backlog wächst schneller, als es schrumpft, die Statusmeetings werden länger und ehrlicher gleichzeitig weniger. Alle ahnen, dass etwas nicht stimmt – aber jeder wartet, dass ein anderer es sagt.
Wenn du das kennst: Du bist in guter Gesellschaft. Und das ist keine Floskel, sondern schlicht die Datenlage.
Erst mal die unbequeme Wahrheit
Die Standish Group untersucht seit 1994 in ihren CHAOS-Reports, wie IT-Projekte ausgehen. Das Bild ist über Jahrzehnte erstaunlich stabil geblieben: Nur rund ein Drittel der Projekte gilt als erfolgreich – also im Rahmen von Zeit, Budget und Ergebnis. Die Hälfte landet in der Kategorie „challenged", liefert also mit spürbaren Abstrichen. Der Rest scheitert ganz.
Besonders unangenehm wird es mit der Größe. Kleine, überschaubare Vorhaben kommen laut denselben Daten in etwa neun von zehn Fällen ans Ziel. Bei großen Programmen kippt das Verhältnis ins Gegenteil. Die Boston Consulting Group kommt für große Technologie-Programme zu einem ähnlichen Befund: Der Großteil verfehlt die selbst gesteckten Ziele bei Zeit, Budget oder Umfang. McKinsey misst bei Digital-Transformationen Scheiterquoten, bei denen einem schwindelig wird.
Ein ehrlicher Zusatz, weil ich kein Freund von Panikzahlen bin: Diese Studien werden methodisch auch kritisiert – wie „Erfolg" definiert wird, entscheidet stark über das Ergebnis. Die absoluten Prozente würde ich also nicht auf die Goldwaage legen. Die Richtung aber stimmt, und sie deckt sich mit dem, was ich in 25+ Jahren in Projekten gesehen habe: Ein Projekt in Schieflage ist kein Betriebsunfall. Es ist der Normalfall, mit dem man umgehen können muss.
Die gute Nachricht kommt aus der Recovery-Forschung: Wenn Organisationen ein entgleistes Projekt aktiv und strukturiert angehen, gelingt der Turnaround erstaunlich oft. Das Problem ist selten, dass Rettung unmöglich wäre. Das Problem ist, dass die meisten keinen Prozess dafür haben – und im entscheidenden Moment das Falsche tun.
Der Reflex, der alles schlimmer macht
Wenn ein Projekt aus dem Takt gerät, ist der erste Impuls fast immer derselbe: mehr. Mehr Leute drauf. Mehr Meetings. Mehr Reporting. Mehr Druck. Häufig noch garniert mit der Ansage von oben, dass „jetzt mal durchgezogen" wird.
Das Dumme ist: Das behandelt Symptome, nicht die Ursache. Zusätzliche Leute in ein spätes Projekt zu werfen, macht es in der ersten Zeit meist noch langsamer, nicht schneller. Mehr Statusmeetings fressen genau die Zeit, die zum Liefern fehlt. Und mehr Druck sorgt vor allem dafür, dass niemand mehr die Wahrheit sagt.
Es gibt ein schönes Bild aus der Turnaround-Praxis: Lass dich nicht vom Rauch ablenken – finde das Feuer. Verspätete Termine, schlechte Stimmung, ein explodierendes Backlog: Das ist der Rauch. Das Feuer liegt woanders. Und solange du am Rauch herumwedelst, brennt es unten weiter.
Was ein Projekt in Schieflage wirklich braucht
Kein neues Framework. Keine Tool-Migration. Und ganz sicher keinen Helden, der sich das Wochenende um die Ohren schlägt. Was wirklich hilft, ist unspektakulärer – und genau deshalb so wirksam.
1. Eine ehrliche Diagnose – bevor irgendwer „macht"
Erst verstehen, dann verändern. Bevor ich in einem festgefahrenen Projekt irgendetwas umbaue, will ich wissen, warum es festgefahren ist. Und zwar nicht die bequeme Antwort, sondern die echte.
Die CHAOS-Daten sind hier eindeutig: Die häufigsten Ursachen sind seit jeher unklare oder ständig wechselnde Anforderungen und zu wenig Einbindung der Menschen, die das Ergebnis später nutzen sollen. Umgekehrt sind die stärksten Erfolgsfaktoren genau das Gegenteil – klare Ziele, echte Nutzerbeteiligung, Rückendeckung aus dem Management.
In der Praxis heißt Diagnose: reden. Mit dem Team, mit den Stakeholdern, mit der Führung – und dann bei jeder Antwort drei- bis viermal „Warum?" nachschieben, bis man an der eigentlichen Wurzel ankommt. Nicht, um Schuldige zu finden. Sondern um das Feuer zu finden.
2. Stabilisieren, statt weiterrennen
Der zweite Schritt fühlt sich kontraintuitiv an: manchmal muss man kurz anhalten, um schneller zu werden. Ein Projekt, das im freien Fall ist, lässt sich nicht im Vollsprung reparieren. Ein bewusster, kurzer Stopp – ein sauberer Health-Check von Scope, Terminen, Budget und Risiken – schafft den Raum, um überhaupt klar denken zu können. Danach geht es nicht um „schneller rennen", sondern um „in die richtige Richtung gehen".
3. Den Scope ehrlich neu schneiden
Fast jedes kranke Projekt leidet an einem aufgeblähten Umfang. Über Monate ist immer noch ein Feature dazugekommen, immer noch ein Sonderfall, immer noch ein „das brauchen wir auch noch". Recovery heißt hier: zurück auf das, was wirklich Wert schafft. Was ist das kleinste lieferbare Ergebnis, das dem Business echten Nutzen bringt? Alles andere wird geparkt – nicht gestrichen, aber ehrlich nach hinten sortiert. Und der neue Plan basiert auf der tatsächlichen Geschwindigkeit des Teams, nicht auf dem Wunschdenken vom Projektstart.
Hier kommt übrigens das Parkinsonsche Gesetz ins Spiel, das mich in Projekten ständig begleitet: Arbeit dehnt sich genau in dem Maß aus, wie Zeit für sie zur Verfügung steht. Deshalb arbeite ich mit klaren Timeboxes und kleinen Schritten – nicht mit endlosen Backlogs, die alles Mögliche aufsaugen.
4. Das Team mitnehmen – sonst wird das nichts
Einen Turnaround macht man nicht für ein Team, sondern mit ihm. Die Leute, die im Projekt stecken, sind meist selbst angeschlagen – frustriert, verteidigend, ein bisschen ausgebrannt. Wer da mit Ansagen und Blame reinkommt, hat verloren, bevor er angefangen hat.
Was funktioniert: zuhören, die Perspektive der Beteiligten ernst nehmen, ihr Wissen über die Projekthistorie nutzen. Und dann gemeinsam entscheiden. Coaching macht Entscheidungen besser, es macht sie nicht überflüssig. Das Team führt – das ist keine nette Geste, sondern die Bedingung dafür, dass das Ergebnis auch dann noch trägt, wenn ich längst wieder weg bin.
5. Kleine, sichtbare Siege
Vertrauen kommt nicht durch einen Masterplan zurück, sondern durch den ersten eingehaltenen kleinen Termin. Setz früh sichtbare Zwischenziele, feiere sie ehrlich, mach Fortschritt spürbar. Genau da dreht die Stimmung – Menschen fangen an, Verantwortung zu übernehmen, sprechen offen über die nächste Hürde. Ein einziger gebrochener Vertrauensvorschuss wirft das allerdings sofort zurück. Deshalb: lieber kleine Versprechen, die halten, als große, die beeindrucken.
6. Transparenz nach oben – nicht Beruhigung
Der teuerste Fehler in kriselnden Projekten ist der geschönte Statusbericht. Er kauft eine Woche Ruhe und kostet am Ende das ganze Vertrauen. Recovery braucht das Gegenteil: häufige, direkte, unbequeme Klarheit gegenüber Sponsoren und Management. Status, Fortschritt und Probleme liegen offen auf dem Tisch. Das ist unangenehm – und es ist der einzige Weg, den Rückhalt zu bekommen, den ein Turnaround braucht.
Und wo hilft KI beim Ganzen?
Kurz, weil es gerade in jedem zweiten Gespräch aufploppt: KI kann in der Recovery echte Arbeit abnehmen – Backlogs strukturieren, Muster in Tickets und Verzögerungen sichtbar machen, Reporting entlasten, Meetings zusammenfassen. Was sie nicht kann: die ehrliche Diagnose ersetzen, Vertrauen im Team wiederaufbauen oder eine unbequeme Entscheidung treffen. KI entlastet Product Owner und Scrum Master an den richtigen Stellen. Sie ersetzt nicht das Gespräch, in dem endlich jemand sagt, was Sache ist.
Die eigentliche Erkenntnis
Wenn du bis hierher gelesen hast, ist dir vielleicht aufgefallen, was in dieser Liste nicht vorkommt: eine Methode. Kein „Ihr müsst nur richtig Scrum machen". Kein „Kanban löst das". Denn das ist selten das Problem.
Projekte in Schieflage brauchen keine neue Ideologie. Sie brauchen ehrliche Diagnose, Disziplin im Kleinen, Transparenz nach allen Seiten und ein Team, das die Sache am Ende selbst kann. Klassisch oder agil ist dabei zweitrangig – meistens ist die richtige Antwort ohnehin eine Mischung aus beidem, passend zu dem, was das Projekt gerade aushält.
Den Karren aus dem Dreck zu ziehen ist kein Kraftakt eines Einzelnen. Es ist saubere, unaufgeregte Arbeit an den richtigen Stellen. Und die gute Nachricht bleibt: Fast jedes Projekt, das man ehrlich anpackt, lässt sich retten.
Steckt bei dir gerade ein Projekt fest, und du willst wissen, wo das Feuer wirklich brennt? Buch dir 30 Minuten – kein Verkaufsgespräch, sondern eine ehrliche Einschätzung, ob und wie sich der Karren wieder flottkriegen lässt.
